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Abendlecture 2006: Gibt es Wege aus der selbstverschuldeten Irrelevanz des qualitativen off-streams?

Prof. Dr. Norbert Groeben

Universität zu Köln
Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Kulturpsychologie

Die qualitativen Nebenströmungen (in) der Psychologie empfinden ihre Position innerhalb der Disziplin in Relation zum Hauptstrom (derzeit des Informationsverarbeitungsansatzes) als unangemessen mindergewichtig. Diese – aus der Minderheitenposition gesehen ungerechtfertigte – Irrelevanz lässt sich diagnostisch vor allem an folgenden Manifestationen festmachen: Die szientifisch-quantitative Hauptströmung ist in sich sehr viel homogener, was auch die Voraussetzung und Basis für ihre Hegemonialität darstellt; d.h. der Hauptströmung ist ein Streben danach inhärent, das beherrschende Paradigma darzustellen und alternative Ansätze zu marginalisieren, im Extremfall als eher unwissenschaftlich zu diskreditieren. Das qualitative Paradigma hat dieser Dynamik (bisher) kaum etwas entgegenzusetzen, da es im Vergleich zum main-stream extrem heterogen ist; d.h. es handelt sich im Prinzip nicht um einen Nebenstrom, sondern um viele Nebenströmungen, die außerordentlich zersplittert und auch zerstritten sind. Als Erklärung für diese Diagnose ist auf höchstem Abstraktionsniveau die Relation von Gegenstand und Methodik heranzuziehen. Im quantitativ-szientifischen Paradigma herrscht bekanntlich die Anpassung des Gegenstandes an die Methodik vor, was eine eminent integrative Dynamik impliziert, indem auf diese Weise z.B. schon das Gegenstandsvorverständnis der Forschenden außerordentlich vereinheitlicht wird. Im qualitativen Paradigma dagegen besteht die Zielsetzung der Anpassung von Methoden an den Gegenstand, wodurch unterschiedliche Gegenstandsvorverständnisse zu unterschiedlichen Methodikkonzeptionen führen. Letztlich ist die Heterogenität und Zersplitterung der qualitativen Nebenströmungen durch eine Auflösung des Methoden-Begriffs gekennzeichnet. Es herrscht, im Gegensatz zum szientifischen Paradigma, keine Übereinstimmung darüber, welche metatheoretischen Anforderungen an eine methodische Systematik zu stellen sind. Die Konsequenz ist eine paradoxale: Die am szientifischen Paradigma aus Nebenströmungs-Sicht so abgelehnten Sekundärkriterien wie Zitationskartelle, Verkauf von Theorien, Nicht-Lesen von konkurrierenden Ansätzen etc. spielen innerhalb des qualitativen Paradigmas eine noch viel größere Rolle, nämlich als die einzig übrig bleibenden Ersatzkriterien zur Kompensation eines völlig amorphen Methoden-Konzepts. Die Frage nach Wegen aus dieser selbstverschuldeten Irrelevanz muss m.E. auf die wissenschaftssoziologisch-psychologische Perspektive des diachronen Erkenntnisfortschritts zurückgreifen. Unter dieser Perspektive stellen sich die Vertreter/innen des qualitativen Paradigmas zumeist als (implizite oder explizite) Anhänger/innen eines Revolutionskonzepts der Wissenschaftsentwicklung dar. Das hat den Vorteil, dass man auch die Irrelevanz noch in der Märtyrerrolle genießen kann, dass man den main-stream genauso wenig zu kennen braucht wie dieser den off-stream usw. In dieser Situation führt der Weg aus der Irrelevanz heraus m.E. nur über eine Reformposition, die eine integrative Weiterentwicklung des quantitativen Paradigmas durch qualitative Modifikationen anzielt. Das qualitative Paradigma würde dadurch einen kohärenten, präzise(re)n Methoden-Begriff gewinnen, das quantitative ein komplexes, vollständige(re)s Gegenstandsverständnis.