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Mittagsvorlesung 2007: Qualitative Forschung als Prozess – Stationen und Entscheidungen

Prof. Dr. Uwe Flick

Alice Salomon Fachhochschule Berlin

Qualitative Forschung hat sich in den letzten Jahr(zehnt)en immer weiter ausdifferenziert – in verschiedenen Disziplinen, Ansätzen, Anwendungsfeldern, Schulen, Methoden und theoretischen Kontexten. Dies gilt für den deutschen Sprachraum und mehr noch, wenn man den englischen Sprachraum (oder weitere Diskussionen) einbezieht. Wer heute für ein bestimmtes Thema qualitative Methoden einsetzen möchte, kann sich an einer ständig wachsenden Vielfalt von Alternativen orientieren bzw. zwischen ihnen entscheiden. Zwar sollte und wird die Entscheidung für qualitative Forschung oder bestimmte Ansätze darin nicht so einfach getroffen werden, sondern im untersuchten Gegenstand begründet sein. Bei der Planung und Durchführung qualitativer Forschung steigt man jedoch in einen Prozess ein, der sich aus einer Reihe von Stationen zusammensetzt – von der Eingrenzung der Fragestellung über die Auswahl bzw. Konstruktion eines Forschungsdesigns sowie eines Samples und die Anwendung von Erhebungs- und Interpretationsmethoden bis zur Darstellung des Gefundenen und des Vorgehens, das dahin geführt hat. Bei der Planung und Realisierung dieses Prozesses stellen sich jeweils verschiedene Entscheidungen, die mit der Auswahl einer der jeweiligen Alternativen zusammenhängen: Welche Art von Sampling soll gewählt werden? Welche Form der Datenerhebung – und wenn Interviews, welche konkrete Version? etc.

Diese Entscheidungen sind in mehrfacher Hinsicht interessant: Es lässt sich zunächst fragen, was die jeweilige Entscheidung beeinflusst oder bestimmt hat. Von besonderer Bedeutung ist, ob die getroffenen Entscheidungen dem untersuchten Gegenstand (Thema, Feld, Ausschnitt etc.) angemessen sind. Weiterhin stellt sich aber auch die Frage, welche Konsequenzen die jeweilige Entscheidung hat – für das, was vom untersuchten Gegenstand damit fokussiert, erfasst oder als Bild konstruiert wird aber auch für das weitere Vorgehen. Schließlich kann man sich auch fragen, ob die Entscheidungen an den verschiedenen Stationen des Forschungsprozesses zueinander passen.

Auf Einladung der Veranstalter des Berliner Methodentreffens greife ich die Perspektive auf den Forschungsprozess, die sich mit Begriffen wie Stationen und Entscheidungen kennzeichnen lässt und die ich vor geraumer Zeit schon mal vorgeschlagen habe (vgl. Flick 1991), noch einmal auf und behandle sie aus heutiger Sicht. Dabei möchte ich diskutieren, inwieweit diese Perspektive angesichts der mittlerweile stattgefundenen und fortlaufenden Diversifizierung qualitativer Forschung noch trägt und welche Konsequenzen oder Perspektiven sich daraus ableiten lassen.

Literatur

  • Flick, Uwe (1991). Stationen des Qualitativen Forschungsprozesses. In Uwe Flick, Heiner Keupp, Ernst von Kardorff, Lutz von, Rosenstiel & Stephan Wolff (Hrsg.), Handbuch Qualitative Sozialforschung (S.148-173). München, Psychologie Verlags Union. (2. Aufl. 1995).